Therapie mit Moor


Die Heilwirkung des Moores
Univ.-Prof. Dr. med. A. Gehrke Arzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin, Kardiologie, Betriebsmedizin. Direktor der Klinik für Physik. Medizin u. Rehabilitation der Med. Hochschule Hannover Carl-Neuberg-Str. 1, 30625 Hannover

Das bis zu 10.000 Jahre alte Bergkiefernhochmoor übt in dickbreiiger Anwendungsform heilunterstützende und lindernde Wirkung auf eine Vielzahl von Krankheiten aus. Man kann mechanische, thermische und chemische Wirkung des Bademoores unterscheiden.
Die mechanische Wirkung spüren Sie sogleich, wenn Sie ins Moorbad eintauchen. Ihr Körper erfährt einen "Auftrieb", das heißt, er ist im Moor um so viel leichter, als das Gewicht des verdrängten Moores ausmacht. Dadurch scheinen Sie im Bad zu schweben. Bewegungen lassen sich leichter ausführen.
Die thermischen - also Wärmewirkung - des dickbreiigen Moorbades gegenüber dünnflüssigen Badmedien lassen sich durch dessen besondere Konsistenz, Wärmeleitfähigkeit und -haltung erklären. Der anfängliche Wärmestoß beim Eintauchen wird alsbald dadurch abgemildert, dass die Wärme des Moorbreies über die Haut in tiefere Körperschichten abgeleitet wird. Bei Bewegungslosigkeit wird die hautnahe Schicht des Moores durch diesen Wärmetransport kühler. Da von den weiter entfernten Moorteilchen die Wärme nur langsam in die Körpernähe geleitet wird, lassen sich wesentliche höhere Temperaturen ertragen als in einen Wasserbad, zumal dort leichter eine Umschichtung der Flüssigkeit erfolgt.

Im Moorbad findet die Haut daher genügend Zeit, die ihrer zugeführten Wärme in den Körper abzugeben. Diese Tiefenwirkung stellt einen besonderen heilunterstützenden Faktor des Moores dar.
Die chemischen Eigenschaften des am Haselbach abgebauten Bad Bayersoier Moores wurden von der technischen Universität München analysiert. An organischen Stoffen sind vor allem Bitumen (Fette, Wachse, Harze), Pektine, Cellulose, Huminsäuren, Lignin und Humin enthalten, anorganische Bestandteile Natrium, Kalium, Calcium, Magnesium, Eisen, Aluminium, Silikat, Sulfat und Chlorid.

Manche dieser Stoffe dringen als Ionen - das sind kleinste elektrische Ladungsträger – in die Haut, wodurch deren Bestand an Salzen verändert wird. Diese sogenannte "Transmineralisation" bewirkt eine Änderung der Hautfunktion, die auf komplizierte Weise den Gesamtorganismus beeinflusst. Andere Bestandteile des Moores nehmen die Haut als Durchgangspforte und dringen in molekularer Form in das innere des Organismuses.
Die genannten physikalischen und chemischen Eigenschaften des dickbreiigen Moores erklären dessen vielfältige Möglichkeiten, den Gesamtorganismus umzustimmen und auf Bewegungsapparate und Körperfunktionen einzuwirken. So wird z.B. die Durchblutung gefördert, der Stoffwechsel angeregt, Regenerationsprozesse beschleunigt und sowohl die Tätigkeit von Hormondrüsen gefördert als auch der Funktionsstand von Magen und Darm gebessert.


Entsprechend vielseitig sind auch die Indikationen des Heilmoores: Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises, Gelenk- und Wirbelsäulenschäden, Nervenschäden, Prostataleiden und Frauenleiden.


Therapie mit Moor
Von Prof. Dr. Dr. J. Kleinschmidt

Europaweit spielt das Moor nur in den klimatisch kälteren Zonen eine Rolle, also außer bei uns noch in Skandinavien, in Osteuropa, in der Schweiz. Von über 330 Heilbädern, Kurorten oder Orten mit anerkannten Kurbetrieben, die im Deutschen Bäderkalender aufgelistet sind, beziehen sich ca. 20 % als Moorheilbad oder Moorkurbetrieb speziell auf dieses organische Peloid. In süd- und westeuropäischen Ländern stehen demgegenüber andere Peloidformen, vor allem der anorganische Fango (als sog. "gereifter Fango" auch mit mehr oder weniger starker organischer Besetzung) im Vordergrund.
Es gibt dabei - sinnvollerweise - aber keine Kurorte, in denen ausschließlich Moor, ausschließlich Sole, ausschließlich Kneipp-Güsse, ausschließlich Fango o.a. als Therapieformen angewendet würden, nicht einmal in den 19 "Spezial-Moorheilbädern", die wie Kohlgrub gleichsam als - begrüßenswerte! - Exoten ausschließlich als Moorheilbäder anerkannt sind und nicht quasi als Ersatzstandbein notfalls noch weitere Prädikatisierungen als Mineralheilbad, als Seeheilbad, als Kneipp-Heilbad oder zumindest - Kurort oder als heilklimatischer Kurort zur Aufrechterhaltung des Kurbetriebes vorweisen können. Statt dessen ist gerade die Abwechslung zwischen verschiedenen Therapieangeboten während einer Kur ein Faktor, der die Patienten zu der bekannt hohen Compliance, d.h. zum freiwilligen Mitmachen, bewegt. In einem solchen Kur-therapiespektrum ist z.B. ein Moorvollbad - als sehr anstrengendes Therapeutikum - nur jeden 2. oder 3. Tag vorgesehen (Belastungstag), wobei in den Zwischentagen eher körperlich entlastende Therapieformen (Liegekur, Gesprächstherapie) eingeplant werden.

Die Anwendungsformen der Moortherapie Zu abrechnungsfähigen Formen der Moortherapie zählen

• Heißpackungen
• Kaltpackungen
• Moor-Voll- und Teilbäder
• Handknetmoor

Daneben gibt es Ansätze für weitere Applikationsformen, z.B. als

• Moortretbecken
• Moortampon oder
• in Form des Moorbürstens

Moorvollbäder bewirken sowohl eine systematische Ganzkörperüberwärmung als auch lokale Überwärmung wie bei Packungen. Letztere Therapiekomponente ist besonders bei Erkrankungen des Bewegungsapparates und bei gynäkologischen Indikationen wichtig, verstärkt durch die allgemeine Überwärmung.
Nur wer aus Kreislaufgründen die Überwärmung nicht verträgt, soll auf ein Vollbad verzichten und mit Teilbädern oder sogar nur mit lokalen Packungen therapiert werden. Gewisse Kontraindikationen sind auch bei Beinvenenleiden zu beachten; hier werden die Beine im warmen Moorbad hochgelagert. Das dem Wandern im Kalten Meeresschlick der Nordsee nachempfundene Moortreten wird genau für diesen Patientenkreis derzeit erprobt. Weiterhin sind offene Wunden wegen der Verschmutzungsgefahr ein Ausschlussgrund für Moorvollbäder.

Die Besonderheiten von Mooranwendungen
Um lokale Erwärmung einer Schulterregion, einer Hüfte, eines Kniegelenks oder der Fingergelenke zu erhalten, wären auch andere Verfahren denkbar oder sind sogar gebräuchlich, etwa Paraffinbäder oder Kurzwellen-Diathermie. Gegenüber solchen künstlichen Medien bzw. medizin-technischen Verfahren fallen bei natürlichen Peloiden Überlegungen zu Kontraindikationen, zu Kosten-/Ästhetikerwägungen, zum Überwachungsaufwand u.v.m. weg: der konduktive Wärmetransport bewirkt eine im Behandlungsverlauf relativ konstant bleibende, erträgliche Hauttemperatur, auch bei Applikationstemperaturen bis zu 50 Grad C.
Dies begründet - auch in umgekehrter Richtung für die Moorkaltpackungen - das als "gute Temperaturverträglichkeit" bezeichnete Spezifikum von Moor.

Bei Moorvollbädern stellten sich solche Unterschiede zwischen Applikations- und Hauttemperatur an verschiedenen Körperstellen ein, wobei eher schlechtdurchblutete Geweberegionen durch höhere Hauttemperaturen bevorteilt werden, gegenüber gutdurchbluteten Regionen. Hierauf beruht die zuvor genannte Kombinationswirkung aus systematischer und lokaler Überwärmung, allerdings nur bei hinreichendem Materialeinsatz, d.h. in dickbreiigem Moor in Mindestschichtdicken von mehreren Zentimetern. Diese aufwendigen Applikationsformen dürfen deshalb nicht verwechselt werden mit weit kostengünstigeren Verfahren wie medizinischen Bädern mit Moorextrakt oder Moortampons. Diese - wie auch das Abbürsten von getrockneter Moorsalbe oder das Trinken von Moorschnaps - haben auch, aber eben andere, Wirkungen.

Die Zukunft der Moortherapie
Es gibt schon von der Entstehungsgeschichte her unterschiedliche Moorarten, wobei die Unterteilung in Nieder- und Hochmoor-Moore nur einen ersten Anhaltspunkt liefert. Der Patient ver-spürt sowohl die mehr oder weniger grobe Struktur des Bade-Moores direkt an der Haut, als auch die sog. Temperaturverträglichkeit. Tatsächlich ist letztlich die persönliche Erfahrung des Kurpatienten mit dem Moor aus Bad Kohlgrub oder aus Lüneburg - um nur zwei staatlich anerkannte, extrem weit voneinander entfernte Moorheilbäder anzuführen - der Grund dafür, hier oder dort Stammgast zu werden - zumindest, solange die Moortherapie noch durchgeführt werden kann.
De facto steht uns dabei genügend Moor zur Verfügung. In der Praxis wird die gewerberechtliche Verfügbarkeit jedoch - sogar unter Beschneidung des Eigentumsrechts - zunehmend eingeschränkt. Hierbei wird einer vermeintlichen Schutznotwendigkeit für Moorlandschaften der Primat vor den Bedürfnissen von Kurpatienten eingeräumt mit dem prima vista plausiblen Argument, dass die Natur über 10.000 Jahre brauche, um ein Moor zu bilden. Dass in der Moortherapie des Moor gar nicht verbraucht, sondern gleichsam leihweise nur gebraucht wird, bleibt dabei unberücksichtigt. Gebrauchtes Moor wird ja gerade nicht, wie in Gärtnereien oder in Heizkraftwerken, auf Nimmerwiedersehen verarbeitet, sondern kommt zurück in Abmoorteiche, die kostenaufwendig gepflegt werden, um nach mindestens 5 Jahren erneut als Therapiemoor zu dienen. Nach einigen Zyklen werden dann die Abmoorteiche wieder naturalisiert, d.h. der Anflug von Gräsersamen u.a. führt in einem Zeitraum von wenigen Jahren zu einer Oberfläche, die zuvor fest genug ist nur für leichtgewichtige Tierarten. Das Moor behält damit seine Fauna-Funktion als Schutzraum vor schwergewichtigeren natürlichen Feinden.

Univ.-Prof. Dr. Dr. Dipl.-Phys. Jürgen Kleinschmidt ist der Direktor des Instituts für Medizinische Balneologie und Klimatologie der Ludwig-Maximilians-Universität München.